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Jul 02

Die Trampelpfade unserer Gedanken

Das Problem ist nicht, dass wir uns nicht bewusst sind, dass es noch Probleme in Bezug auf Gleichberechtigung gibt, das Problem ist, dass es so selbstverständlich ignoriert wird in Medien, Filmen und auch Gedanken. So viele Bemerkungen, die man so nebenher macht, so viele Witze, die das Klischee der schwachen oder überemotionalen Frau oder des beschützenden, Kontrolle übernehmenden Mannes noch verstärken. Ich ertappe mich immer wieder selbst dabei, so etwas zu machen, sagen oder auch zu denken und seit ich vermehrt auf das Thema achte, noch mehr. Ich stelle fest, dass ich langsam empfindlich für solche Denkweisen werde und auch dafür, wo sie überall propagiert werden. Mag sein, dass ich mich dann manchmal reinsteigere – akut habe ich Wut in mir und ich entschuldige mich, wenn der Artikel vielleicht auf die Spitze getrieben oder „übertrieben“ ist.

Das Problem ist, dass die „alten“ Denkweisen nicht alt sind, sondern permanent und ständig propagiert werden und ja, ich benutze das Wort Propaganda sehr bewusst, auch wenn es eine sehr harte Formulierung ist. Wikipedia definiert Propaganda folgerndermaßen:

Propaganda bezeichnet einen absichtlichen und systematischen Versuch, Sichtweisen zu formen, Erkenntnisse zu manipulieren und Verhalten zu steuern, zum Zwecke der Erzeugung einer vom Propagandisten erwünschten Reaktion.

Wer der Propagandist ist, ist hier natürlich sehr, sehr schwer einzugrenzen. Es handelt sich nicht um einzelne Personen oder klar eingrenzbare Gruppierungen. Auch bei der Frage, ob der „absichtliche und systematische Versuch“ ein wirklich bewusster ist, finde ich nicht eindeutig eine Antwort. Oftmals mag es schlicht die vereinfachte Darstellung des Bekannten, „Altbewährten“ sein, die ohne Hinterfragen darstellt wird. Aber macht es das wirklich besser?

Die klar definierten Geschlechterrollen werden wieder und wieder gepredigt, dargestellt und verstärkt, die Versexualisierung von Frauen und Mädchen, die Darstellung von ihnen als Opfer und vom Mann als Beschützer und Kontrollierendem wird wieder und wieder vollzogen und unterstrichen. Veraltet? Überholt? Solche Darstellungen sind doch die Ausnahme? Oh, weiß Gott nicht. So extrem ist das doch heute gar nicht mehr? Oh doch.

Ich komme gerade aus dem Kino und habe mir The Amazing Spiderman angeschaut. Netter Popcornfilm, coole Action, ich hatte durchaus Spaß. Aber aus feministischer Sicht (ich finde Sexismus fast passender, da das Männerbild ebenfalls sehr klischeebeladen gestrickt ist. Weiß jemand noch was besseres? Vorschläge sind willkommen) ist der Film eine Katastrophe.

Achtung, kann Spoiler enthalten!

Die Frauen. Sie malen Plakate oder cheerleaden, während die Jungs Basketball spielen, sie wollen ihren Freunden zum Geburtstag ein Bild von ihrem Auto schenken, weil er es so liebt, sie tragen kurze Röcke und lange Haare und Bänder im Haar, verteidigen die Männer, die sie grad eben noch geschlagen haben, sind Lehrerinnen in den Geisteswissenschaften oder Nachrichtensprecherinnen. Abgesehen von Gwen sieht man kaum eine Wissenschaftlerin, keine einzige Polizistin und keine Kranfahrerin. Nicht einmal Mütter spielen eine Rolle – (Gwens Mutter Helen siehe unten) Peters Fokus ist ausschließlich auf seinem Vater, obwohl der beim Abschied deutlich distanzierter ist als die Mutter. Peters Mutter wird von ihm kein einziges Mal erwähnt. Das von ihm gerettete Kind wird vom erleichterten Vater begrüßt, auch hier keine Mutter zu sehen.

Die Männer. Sie spielen Football oder Basketball, sie prügeln sich, sie sind brillante Wissenschaftler und Polizisten und harte, muskelbepackte Bauarbeiter. Sie reden nicht mit ihren Frauen, sie treffen Entscheidungen und übernehmen Verantwortung, sie schließen Freundschaften, nachdem man Kräfte gemessen hat, sie bestätigen ihre Kinder und beschützen sie, während die Frauen zuhause bleiben. Sie sind grob und überfallen andere, sie tragen Waffen und prügeln sich.

Geht es noch klischeehafter? Ja, der Comic entstand in den 60ern, als dieses Klischee noch allgemein gelebt wurde, doch der Film ist eindeutig im 21. Jahrhundert angesiedelt. Welche Entschuldigung gibt es für diese Darstellung? Keine.

Schauen wir uns doch mal die dargestellten Frauen an, die mehr als ein Wort im Film sagen: Tante May, Helen Stacy und natürlich Gwen Stacy.

Tante May, eine wahnsinnig sympathische, ältere Dame, die kocht, während ihr Mann das Handwerkliche erledigt und sich ingesamt liebevoll um ihren Mann und Neffen kümmert. So liebevoll, dass sie von ihrem Mann regelmäßig ignoriert wird. Als Peter vergisst, sie abends abzuholen, damit sie nicht allein heimgehen muss, wirft sein Onkel ihm dies vor. Dass May mehrfach sagt: „Ben, es macht mir nichts aus, allein durch die Stadt zu gehen, wirklich nicht“, wird dies von Ben nur mit einem „Hör auf, ihn in Schutz zu nehmen, du nimmst ihn in Schutz!“ kommentiert, woraufhin sie auch sofort zugibt: „Ja, stimmt.“ und verstummt. Als Peter wütend und aufgewühlt aus dem Haus rennt, sagt sie zu ihrem Mann, der ihm folgen will: „Ben, lass ihn erstmal. [allein sein, runterkommen, seine Gefühle unter Kontrolle kriegen]“ Ben sieht sie stumm an und geht Peter nach. Sie versucht kein zweites Mal, ihn aufzuhalten. Kein einziges Mal versucht sie, ihre Meinung wirklich durchzusetzen, sondern ordnet sich sofort unter.

Helen Stacy, Gwens Mutter, hat nur einen relativ kurzen Auftritt beim Abendessen, zu dem Peter eingeladen wurde. Das Tischgespräch wird natürlich von den Männern geführt, nachdem sie ihren Mann gefragt hat, wie denn sein Arbeitstag war. Dass ihr Mann den Gast der Familie erst einmal rund macht, verächtlich und belehrend und wirklich, wirklich unhöflich bis unverschämt ist, wird von ihr mit einem mahnenden Blick kommentiert. Mehr nicht. Die einzige andere Szene, die sie hat, ist die, als sie ihrer Tochter sagt, dass ihr Vater möchte, dass sie reinkommt. Sofort. Muss ich mehr zu dieser Figur sagen?

Gwen Stacy. Hach. Ich könnte stundenlang darüber reden. Ich beschränke mich auf eine Aufzählung bestimmter Fakten. Zwei Frauennamen als Vor- und Nachname – seriously?! Aber gut, das mag Zufall sein. Aber kein Zufall ist die Darstellung von ihr als sexualisiertem Schulmädchen mit Overkneestrümpfen, Miniröcken und hohen Stiefeln. Die Kameraeinstellungen, in der übergroß ihre blauen Augen und blonden Haare mit rosa Schleifchen gezeigt werden. Die zwei Szenen, in denen sie wiederholt „Nein“ sagt und Peter jedes Mal mit „Doch“ kontert und am Ende seinen Willen bekommt. Wie sie mit der Betonung ihres Frauseins ihren Vater abschreckt und kontrolliert. Wie permanent für sie entschieden wird – Peter oder ihr Vater sagen ihr, was sie tun soll und sie tut es. Selbst die Frage, ob sie mit Peter zusammen ist, wird nicht von ihr sondern von den beiden Männern geklärt.

Man kann diskutieren (und genau das habe ich gerade sehr lang mit meinem Mann gemacht), ob die Sterbeszene, in der Captain Stacy (… der Name …) Peter sagt, dass er Gwen aus seinem gefährlichen Leben raushalten soll und Peter dies akzeptiert, sexistisch ist. Per se ist es ja nichts schlechtes, jemanden, den man liebt, beschützen zu wollen, auch wenn Cpt. Stacy damit wieder eine Entscheidung für Gwen trifft. Aber die Fortführung dieses Versprechens, die Folge und das darauf aufbauende Verhalten Peters Gwen gegenüber ist meines Erachtens durchaus sexistisch. Im gesamten Kontext ist die Unfähigkeit Peters, mit Gwen über die Sache zu kommunizieren, letztlich nur eine logische Fortführung der gesamten Behandlung von Frauen in dem Film, nur ein weiteres Symptom: weshalb sollte er auf einmal mit Gwen reden, nachdem vorher nie etwas besprochen wurde, sondern stets für sie entschieden wurde? (Nein – Doch – Okay) Er ist nicht einmal in der Lage, ihr den Grund für seine plötzlich abweisende Art zu nennen, sie errät/erahnt ihn – und auch am Ende, als klar impliziert wird, dass sie nun doch wieder etwas miteinander anfangen werden, tut er dies nicht, indem er die Situation mit ihr klärt oder bespricht, er sagt ihr: „Die besten Versprechen sind die, die man nicht halten kann.“ Welch positive Voraussicht auf eine Beziehung…

Da gleich Mitternacht ist, beende ich meinen kleinen Exkurs erstmal. Aber wie man sieht, ist das Thema nicht ausdiskutiert. In keinem Medium.

3 Kommentare

2 Pings

  1. Leander

    Ich habe den Film mir am Samstag angesehen. Ich bin gut Unterhalten heraus marschiert, auch wenn mir beim Zuschauen Dinge übel aufgestoßen sind. Aber insgesamt mochte ich den Film. Ich mag ihn immer noch… glaube ich, auch wenn Julie mir einige Dinge hier dann doch etwas deutlicher offenbart hat.

    Um mal grob einzusteigen (Ich habe das große Verlangen was dazu beizusteuern) ….

    Ich kann „Sexy-Tussen-Möchte-Gern-Wissenschaftlerinnen oder Kriegerinnen“ oder was auch immer man mit „Sexy-Tusse“ noch in Filmen und Co kombinieren kann, nicht leiden. Und als die Blonde in ihrem Minirock auftauchte war sie für mich schon unten durch, und das obwohl sie das höchst wahrscheinlich nicht verdient hat. Ich konnte sie aber nicht mehr ernst nehmen. Und dieser Tatbestand irritiert mich auch schon wieder ein wenig, ist aber auch noch mal ein weiteres/anderes Thema.
    Und das sie dann als wissenschaftliche Assistentin immer noch in diesen Klamotten rum stöckelt fand ich auch albern. Es war billig und viel zu sexualisiert. Es gibt ein Maß an Sexy und Ästhetik das hier leider an mehr als einer Stelle unterflogen wurde.
    Mich störte ihre angebliche Stärke (Szene auf dem Schulhof, sie hat den Schläger völlig unter Kontrolle und er befolgt ihren „Wunsch“ und geht.) die nur wenige Sekunden danach in reines Hinterherlaufen übergeht. (Fast alle Szenen mit Peter) Das ist mir stark aufgefallen. Sie war für mich der Teil der einfach sexistisch war. Die anderen Dinge die Julie hier auflistet waren für mich „einfach nur“ ein extrem schlechtes Beispiel für Kommunikation und Zusammensein.

    Mich störte nicht das der Vater ein absoluter Patriarch war, so wie es mich nicht stört das ich in einem Kriegsfilm Mord und Totschlag sehe obwohl ich Pazifist bin. Es war für mich ein Teil des Charakters. Dafür konnte ich ihn nicht leiden. Aber das war’s auch schon. Es ist eine Darstellung von Dingen die es nun mal so auf der Welt gibt. Das macht es kein Stück besser, das weiß ich. Aber da ich mir auch Filme über Dinge ansehe die ich hasse (Krieg und Co) muss ich den Film dafür nicht hassen. (Werfe ich der Autorin hier auch nicht vor)

    Aber das Problem hier bei diesem Film, und das hat Julie richtig erkannt, ist: Dieses Problem ist nicht das Thema des Films.
    Und das wird mir leider erst jetzt klar.

    Wenn der Film die Problematik von schlechter Kommunikation und falschen Verhalten von Männern gegenüber Frauen behandeln wollte wären all diese Szenen ein Teil der Inszenierung des Problems gewesen. (Wenn gleich mit bizarrer Comicaction) Und ich muss sagen ich fühle mich ein wenig schuldig das ich das nicht sofort erkannt habe. Ich fand es nur doof und unangenehm, da ich – so hoffe ich doch stark – emanzipiert und nicht frauenfeindlich aufgezogen wurde.

    Aber ja, der Film hatte ein ganz anderes Thema, warum wurde also das Frauenbild so inszeniert? Warum nicht anders. Hätte es dem Film geschadet, oder den Helden herabgestuft, die Action gemindert oder die Botschaft von Tapferkeit und Verantwortung befleckt wenn es ein angemessenen und befürwortenden Umgang mit den Frauen und deren Inszenierung gegeben hätte? Nein. Gerade bei den letzten beiden Dingen sogar bestärkt. Ein Mann der Verantwortung zeigt spricht mit seiner Frau, und das auf selber Augenhöhe. Wer Tapfer ist spricht Dinge aus und schweigt nicht wie „ein Mann das nun mal (nicht) tut“. Es ist für mich nicht männlich sein Wort nicht zu halten. (Letzte Szene in der Schule) Es ist nicht männlich für mich wenn man eine Frau schlecht behandelt (Egal ob Verbal oder Körperlich).
    (Was für mich männlich ist, oder was allgemein „männlich“ ist, ist auch noch mal ein anderes Kapitel 😉 )

    Der Film stellt ein herablassendes Benehmen und eine fragwürdige Einstellung gegenüber Frauen dar ohne diese als Thema zu haben, und das ist das ganz große, sehr gefährliche Problem mit diesem Film und auch in vielen anderen Meiden die im Umlauf sind.

    Das was Julie hier so aufwühlt ist bei mir immer der Fall wenn ich latenten (teilweise nicht sehr latent) Rassismus in Filmen um die Ohren gehauen bekomme. Wenn immer noch in modernen Medien die schwarzen (oder andere „nicht Weiße“) alles abbekommen, selbst wenn sie zu den Guten gehören, wenn sie die Deppen sind, die Idioten, die ungebildeten, die ständig Slang-sprechenden und vor allem die die als erstes Sterben und für den weißen Helden drauf gehen dürfen.

    Und egal ob es nun Rassismus oder Sexismus ist, wenn es nicht das Thema des Films ist diese Problematik anzusprechen – oder zumindest ein mit dieser Absicht inszenierter Teil – ist es ein gewaltiges Armutszeugnis und gefährlich das es ein Element des Films ist. Die Welt wird nicht besser dadurch, und das ist mehr als bedenklich.

    Und auch wenn ich mir als Mann mehr als genug anhören muss wie schlimm und dumm mein Geschlecht doch ist, und das ich ein Schwanzgesteuerter Idiot bin (Und ja das musste ich mir schon von mehreren Frauen und Medien anhören… vor allem von Frauen die mich nicht einmal kennen, einfach nur weil ich ein Mann bin) bin ich dankbar für jede Frau die auf so etwas aufmerksam macht.

    Man muss immer wachgerüttelt werden und niemals in den Trott verfallen und blind konsumieren. Wer nicht hinterfragt wird mit schuldig sein die Welt verkommen zu lassen.

    In diesem Sinne, danke.

    P.S.: Mein persönliches Highlight aus dem Text von Julie:
    “Die besten Versprechen sind die, die man nicht halten kann.” Welch positive Voraussicht auf eine Beziehung…

  2. Stina

    Whoa, Leander hat eigentlich schon eine ganze Menge gesagt – ich möchte noch anknüpfen, dass auch dieser Film mit Pauken und Trompeten durch den Bechdel-Test fällt: 1. Kommt in diesem Film mehr als eine Frau vor? 2. Reden diese Frauen miteinander? 3. Über etwas anderes als über einen Mann? Tja, sorry – fail.

    (Und jetzt hab ich keine Lust mehr, ihn zu schauen! :p)

    1. Julie

      Ich möchte dazu sagen, dass ich den Film abgesehen von der oben genannten Problematik nicht komplett schlecht fand. Die Action war gut, die Schauspieler überzeugend, er hatte ein paar großartige Momente und mit 3D-Hologramm-Kram-Computern kriegste mich eh *g* Andererseits halt auch ein bissle arg übertrieben und aus der Luft gegriffen. Ist halt ein Gehirn-an-der-Kasse-abgeben-Spaß-haben-Film.

  1. Amazing… oder? « My Life in Words

    […] Der selbstverständliche Sexismus in The Amazing Spider-man. Gefällt mir:Gefällt mirSei der Erste dem dies gefällt.   […]

  2. Cannot unsee « My Life in Words

    […] für die gleiche Arbeit schlechter bezahlt. In der Darstellung von Frauen in den Medien – in Filmen, Computerspielen, Büchern. In der generalisierten Sexualisierung von Frauen und ja, auch in der […]

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