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Nov 15

Sexismus und Universität

Disclaimer:
Das Thema dieses Blogeintrags ist sehr ernst und teilweise explizit. Es geht um sexuelle Übergriffe und Vergewaltigung an Universitäten und Berichte darüber. Wer mit diesem Thema generell Schwierigkeiten hat, sei hiermit vorgewarnt.

Gern flüchtet man sich beim Thema Seximus in seinen schlimmsten Ausformungen in die vermeintliche Sicherheit der eigenen Bildung. “So was passiert in unserer Bildungsschicht nicht”, sagt man sich, oder auch: “Wir (=oftmals Akademiker) sind zu reflektiert für Sexismus.” Solche Dinge geschehen anderen, auf jeden Fall woanders, und nicht im eigenen Milieu. Dass gerade unsere Bildungsstätten ein Hauptschauplatz für sexuelle Übergriffe, gelebten und forcierten Sexismus oder sogar Vergewaltigungen sind, wird hierbei gern vergessen. Letztens wurde mir von Anna dieser Artikel verlinkt, in dem sehr deutlich beschrieben wird, welchen sexuellen Übergriffen Frauen an Universitäten ausgesetzt sind. Von sogenanntem “Slut-Dropping”, bei dem man vermeintlichen, in der Regel betrunkenen “Schlampen” nach einer Clubnacht anbietet, sie nach Hause zu fahren, sie dann am anderen Ende der Stadt auf der Straße aussetzt und sie dabei filmt, wie man wegfährt, über Partys mit Themen wie “Pimps and hoes” (Zuhälter und Hure) und “Slag ‘n Drag” (Nutte und Langweiler), bei denen erwartet wird, dass Frauen in knappen, betont sexy Outfits kommen, ist alles dabei. Dabei hört es nicht bei einer reinen Wahrnehmung von Frauen als Sexobjekten auf, schnell wird es explizit und übergriffig.  Es ist nicht das erste Mal, dass ich so etwas lese; vor allem aus den USA scheinen die Berichte zu stammen, die von sexualisierten “Initiationsriten” berichten, von geplanten sexuellen Überfällen. Eine Studie besagt, dass 35% der männlichen Befragten eine Vergewaltigung begehen würden, wenn sie sicher wären, nicht erwischt zu werden. 12% der männlichen Befragten gaben anonym zu, Handlungen begangen zu haben, die juristisch als Vergewaltigung gelten und 87% derjenigen, die eine Vergewaltigung begangen haben, bezeichneten sie nicht als solche. Eine Umfrage, die an 32 amerikanischen Universitäten mit über 6000 Befragten erstellt wurde, fand heraus, dass mehr als 50% der befragten Frauen Opfer von sexuellen Übergriffen, Vergewaltigung oder versuchter Vergewaltigung wurden und davon wieder die Hälfte bei Dates.

[[Quelle: http://www.uic.edu/depts/owa/sa_rape_support.html]]

Auch in Filmen wird das Thema wieder und wieder angesprochen oder angedeutet: Frauen werden so betrunken gemacht, dass sie bewusstlos missbraucht werden können, Männer puschen sich gegenseitig hoch und werden von anderen “bestraft”, wenn sie die Tat nicht begehen. Solche Vorfälle scheinen nicht übertrieben zu sein: Spiegel Online berichtet von einer Umfrage,bei der die Verbindungsmitglieder gefragt wurden, wen sie gern mal vergewaltigen würden. Besonders grausame und erniedrigende Initiationsriten, sogenanntes “hazing”, scheint gang und gebe zu sein und wenn ich mir diese Liste von besonders brutalen Hazing Ritualen hier ansehe, kann ich nur erschreckt den Kopf schütteln. Ich  muss sagen, wenn nur die Hälfte der Dinge stimmt, die man aus Filmen, Serien und Berichten mitbekommt, bin ich nicht traurig, dass ich noch nie in den USA und nie in einem Verbindungshaus war.

Ich möchte hier übrigens nicht rein auf sexuelle Übergriffe von Männern Frauen gegenüber hinaus, bei weitem nicht. Wie man auch aus der oben verlinkten “Hazing ritual”-Liste sehen kann, ist das unter Frauen genauso verbreitet wie zwischen Männern. Man muss gar nicht lange suchen, um auf sexualisierte oder explizite Vergewaltigungs”riten” zu stoßen, kurzes Googlen führte mich auf diesen Beitrag: “We laughed about it all year.

Angesichts der Masse, mit der einem solche Berichte entgegentreten, bin ich mehr als dankbar und froh und erleichtert, dass ich selbst nie solchen Übergriffen ausgesetzt war und es nicht einmal im näheren Umfeld mitbekommen habe, dass jemandem so etwas geschehen ist oder auch nur jemand so etwas gehört hat. Dass solche Übergriffe nicht auf amerikanische Universitäten beschränkt ist, ist mir natürlich auch klar, doch die Extremheit und Masse, in der von dort berichtet wird, lässt mich doch darüber nachdenken, ob das Phänomen in den USA besonders stark auftritt. Ein nationales Phänomen? Bestimmt nicht. Doch ein nationales Extrem? Vielleicht. Besonders erschreckend finde ich die Prozentzahlen der Umfragen, die ich anfangs nannte. Ob die sogenannte “Rape culture”, die wir ja auch schon hier angesprochen haben, ein Resultat oder Ursache solcher Aussagen ist? Vermutlich beides.

Teilsatz im dritten Abschnitt umformuliert, damit der Bezug deutlich wird. 

11 Kommentare

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  1. Leander

    Wow, das ist krass. Aber ganz ehrlich, bei diesen “Aufnahme-Riten” und einer Medienkultur in der Gewalt absolut kein Problem, Sex aber eine absolutes Nogo ist, kann es nur zur Abnormitäten kommen. Ich meine wie soll man es sich erklären das Sex und Fluchwörter verboten sind aber überall genutzt werden. Das ist Psychoterror für jeden Verstand. Und klar ist das kein rein amerikanisches Problem. Ich will gar nicht wissen was hier in Deutschland eigentlich alles so abgeht ohne das man drüber spricht. Ich lerne fast jede Woche was neues Kennen das ich immer weit weg gedacht hatte, und es plättet mich jedes mal wenn ich dann merke wie viel Abartigkeit und Dummheit es auf der Welt gibt. Da muss man sich schnell positive Gegenbeispiele suchen und selber überlegen wie man zu positiven Beispielen beitragen kann. Sonst wird man ja depressiv hier.

    So ich geh dann mal diese Infos verdauen…

    1. Julie

      Japp, die massive Tabuisierung trägt sicherlich dazu bei, dass dann bei Gelegenheiten, das Tabu fallen zu lassen, einfach gnadenlos alles rausgerotzt wird, was geht. Siehe auch Stinas Kommentar. *nick*

  2. Cirdan

    Der Satz “…wenn nur die Hälfte der Dinge stimmt, die man aus Filmen, Serien und Berichten mitbekommt, bin ich darüber nicht traurig.” ist ob des falschen Bezugs etwas verwirrend. Erst beim zweiten Lesen wurde mir klar, dass du dich auf den Halbsatz davor beziehst… Ansonsten ein sehr lesenswerter Eintrag, wobei man das Thema natürlich unendlich weiterführen könnte. Im Prinzip ist die sexuelle Komponente ja in vielen Fällen nur ein Instrument der menschlichen Rohheit und des Verlangens Macht und Gewalt über andere auszuüben. Da dies im Urinstinkt vieler Menschen verankert zu sein scheint, stellt sich die Frage, wie sich dieses Verlangen durch Erziehung, Moral und Gesetze unterdrücken lässt. Es geht also vielmehr darum, in wie weit überhaupt jemand Gewalt/Macht über jemanden anderen ausüben darf, ob sexuell oder nicht…

    1. Julie

      Danke für den Hinweis, Cirdan, ich habe den Teilsatz umgestellt, jetzt sollte er klar sein.

      Wobei ich dir widersprechen würde, dass ein Streben nach Macht- und Gewaltausübung im “Urinstinkt” des Menschen verhaftet sei. Ich glaube, die Frage nach dem “Woher kommen solche Ausbrüche” lässt sich nicht wirklich allgemeingültig beantworten, aber mit Biologismus macht man es sich sehr einfach, in meinen Augen auch deutlich zu einfach. Ich halte es tatsächlich eher für ein Symptom einer in sich krankenden Gesellschaft, die letztlich als “Hauptziel” allen Strebens Macht propagiert. Machtausübung in jeglicher Form wird damit schnell als Belohnung an sich gesehen und sexuelle Übergriffe sind nur eine von vielen Ausformungen davon.

      1. Cirdan

        Meine zugegeben etwas pessimistische Aussage mit dem “Urinstinkt” bezieht sich nur auf meine persönliche und allgemeine Beobachtung und war auch keinesfalls als irgendeine Art der “Ausrede” gedacht, sondern vielmehr Erklärungsversuch. Ich sehe es so, dass immer und überall, wo Gewalt und Machtausübung toleriert wurde, sie auch ausgeübt wurde. Das ist kein Phänomen einer kranken Gesellschaft im 21. Jahrhundert, sondern gab es im Prinzip schon immer und überall, ob in der Bronzezeit in Griechenland, im Mittelalter bei indigenen Völkern. Ganz unabhängig von Zeit und Ort: Immer wenn es irgendwo den Konsens oder auch nur den Eindruck gab, dass man für Mord und Vergewaltigung nicht belangt wird, wurde auch gemordet und vergewaltigt. In unserer Zeit betrifft das natürlich vor allem Kriegszustände und Diktaturen. Klar, ist das jetzt sehr vereinfacht und herunter gebrochen, aber ich glaube auch nicht, dass in der Kommentar-Funktion eines Blogs eine bedeutend tiefer gehende Diskussion möglich ist.

  3. Cecilya

    Zum Stichwort allgemeiner Sexismus an der Uni:
    Ja, man würde denken, dass Studenten und auch Dozenten zu gebildet für Sexismus sind, doch traurigerweise stimmt das nicht. Wenn ich mir manchmal anhöre, was Kommilitonen oder auch Dozenten für frauenfeindliche Aussagen machen, werde ich schon echt wütend (Dozenten habe ich zum Glück noch nicht in Vorlesungen sowas sagen hören). Ich studiere nun ein männerlastiges Fach (Informatik), aber Informatiker sind nun lange nicht so hinterwäldlerisch und haben doch schon mehr mit Frauen zu tun, als das Klischee uns wahrhaben will. Natürlich ist das nicht die Regel, das meine Eigenschaften auf mein “Frau-Sein” geschoben werden, aber es kommt durchaus ab und an vor. Und das finde ich ziemlich traurig, dafür, dass an der Universität doch ein ziemlich hoher Bildungsgrad herrscht.

    1. Julie

      Seit ich mich mit dem Thema beschäftige, bin ich auch deutlich sensibler geworden für sowas. Seitdem fallen mir Sprüche in meinem Umfeld deutlicher auf. Vieles macht man aber auch unreflektiert. Ich glaube nicht, dass jeder, der mal nen sexistischen Spruch reißt, auch bei genauerem Nachdenken hinter der getätigten Aussage stehen würde. Aber genau das ist ja letztlich der Knackpunkt: Das Bewusstsein ist noch nicht da.

      1. Cecilya

        Ja, das denke ich auch, dass das im Ernstfall nicht ihre Meinung ist, vor allem, wenn man sie direkt danach fragen würde. Aber ich kann mir halt gut vorstellen, dass da unterbewusst immer noch ein “Pff, eigentlich kann sie das ja alles gar nicht, sie ist ja eine Frau” hintersteht, was sich dann bestätigt fühlt, sollte eine Frau etwas frauenuntypisches nicht können.
        Und ja, genau das ist das Problem.

  4. Stina

    Meine Theorie, warum das in den USA so krass ist, ist folgende: die Leute sind noch verdammt jung, wenn sie aufs College kommen, teilweise erst 17/18 Jahre alt. Die meisten wachsen in einer sehr repressiven Umgebung auf, wo sie nicht mal Alkohol trinken dürfen. Dann plötzlich von heute auf morgen finden sie sich mit einem ganzen anderen Haufen 18jähriger weit weg von zu Hause vor, ohne elterliche Kontrolle. Da flippt man aus, in jeder Hinsicht. Ich erinnere mich an unsere amerikanischen Gastschüler damals, die sich dermaßen besoffen haben, dass einer von ihnen sogar im Krankenhaus gelandet ist. Sie durften ja noch nie und haben dann einfach komplett über die Stränge geschlagen.
    Ich selbst habe auch schon zweimal sexuelle Übergriffe erlebt, allerdings nicht im Studium, sondern im Schwimmbad und bei der Arbeit. Eine Vergewaltigung war es Gott sei Dank nicht, aber allein wie ich mich danach gefühlt habe, hat mir schon gereicht. Und ich bin sicher, beide Täter hatten nicht das geringste Unrechtsbewusstsein. Im Gegenteil, die fanden’s auch noch witzig.

    1. Julie

      Ja, das stimmt, dieses “über die Strenge schlagen” haben wir bei uns an der Schule auch erlebt, als wir Amis zum Austausch da hatten. Die sind auch ausgerastet. Ich muss mir immer wieder vor Augen holen, dass die College Freshmen so jung sind, das vergess ich tatsächlich immer (nicht, dass es das in irgendeiner Form besser macht…!).

      @Sexuelle Übergriffe: Alter. *schockiert*
      Aber das mit dem Unrechtsbewusstsein ist tatsächlich ein krasser Punkt. Es gibt doch diese “Geschichte” oder “Witz”, bei der eine Frau belästigt wird und einen Polizisten anspricht, er möge ihr helfen, der sie nur anschaut und sagt, sie soll doch dankbar für die Aufmerksamkeit sein und dann einfach weggeht.
      Das ist eben dieses Grundproblem, dass medial wahnsinnig häufig vermittelt wird, dass Frauen ‘dankbar’ für das Beachtetwerden sein sollen in Kombination mit der Objektifizierung und Sexualisierung von Frauen. Das Bewusstsein für das Unrecht fehlt.

      1. Stina

        Da ich beim ersten Übergriff erst 12 war, blieb die Argumentation mit dem “sieh es doch als Kompliment” da noch weg – man glaubte mir halt einfach nicht. Beim zweiten war ich 19, da war die Reaktion, “Sei doch froh, dass dich überhaupt mal jemand [whatever]“. Ich habe das schon mal an anderer Stelle gesagt: ich mache keiner Frau einen Vorwurf, die so etwas nicht zur Anzeige bringt. Die zu erwartenden Reaktionen sprechen Bände. Würde mir so etwas nochmal passieren, würde ich auch nicht zur Polizei gehen.

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