«

»

Dez 09

What’s in a Nerd?

In (geistiger) Vorbereitung auf das 365 Nerdfighterdays-Vlog, das ich irgendwann nächstes Jahr machen möchte, stellte ich mir die Frage, was genau mich eigentlich als Nerd auszeichnet. Wenn ich mich so in meinem Freundeskreis umschaue oder Nerdeinträge oder sonstwas lese, sehe ich mich eigentlich als relativ gemäßigt an. Ja, ich kenne viele Serien und ja, ich spiele Computerspiele. Ja, ich bin ein Fangirl von vielem, ich fahre auf Conventions und liebe SciFi und Fantasy, ich lese ab und an Mangas und mein Lieblingszeldaspiel ist derzeit Twilight Princess. Ich bin wahnsinnig viel im Internet unterwegs, ich blogge und treibe mich in Foren herum, ich bin Schreiber und Leser und Gamer und Rollenspieler, live und P&P.  Aber ich habe TOS nicht gesehen und die alten Star Wars Filme nur in Ausschnitten, ich bin von Skyrim oder WoW gelangweilt und habe eine Abneigung gegen MMPORPGs, die einzigen Graphic Novels, die ich gelesen habe sind die Sandmancomics von Neil Gaiman und ich habe weder Vampire Diaries noch Supernatural gesehen. Ich bin also durchaus nicht in allen Bereichen firm oder auch nur interessiert – abgesehen davon, dass ich einen Fulltimejob habe und mir leider deutlich weniger Zeit bleibt, als ich gern hätte. Aber müsste man all das eigentlich tun, um als Nerd zu gelten?

Nach einer Definition zu Nerd befragt, sagt Wikipedia:

Nerd [nɜːd] (engl. für Langweiler, Sonderling, Streber, Außenseiter, Fachidiot) ist ein gesellschaftliches Stereotyp, das besonders für in Computer oder andere Bereiche aus Wissenschaft und Technik vertiefte Menschen steht. Manchmal wird auch ein überdurchschnittlicherIntelligenzquotient (IQ) als begleitende Eigenschaft genannt. Am häufigsten sind Computerenthusiasten gemeint. Während der Begriff ursprünglich negativ besetzt war, hat er sich in Internetcommunitys und unter Computerspielern und -freaks zu einer selbstironischen Eigenbezeichnung gewandelt

Hm. Ich würde mich nicht als „besonders in Bereiche aus Wissenschaft und Technik vertieft“ bezeichnen. Und was ist ein Computerenthusiast? Muss ich mich dafür in der Materie auskennen? Ich war letztens doch schon damit überfordert, einen Gamer-PC für uns zusammenzustellen und holte mir dafür Hilfe. Gut, schon allein aufgrund meiner täglichen Beschäftigung mit dem Ding weiß ich wohl mehr als viele, aber das bezieht sich mehr auf die Oberflächlichkeiten als wirklich tiefgehendes Wissen.  Mein IQ ist zwar überdurchschnittlich, aber a) halte ich nicht viel von IQ-Tests und b) was soll das eigentlich aussagen?

Wikipedia sagt weiterhin:

Ob jemand ein Nerd ist, hängt in erster Linie von der Einschätzung des Umfelds ab. Zwei Wertungsvarianten lassen sich feststellen:

  • Außenstehende meinen Nerd tendenziell abwertend.
  • Betroffene verwenden Gleichgesinnten und sich selbst gegenüber den Begriff umgekehrt als Auszeichnung.

Oft sind Nerds aufgrund ihrer gesellschaftlichen Absonderung in einer schwachen sozialen Stellung. Charakteristisch für Menschen, die gerne als Nerds bezeichnet werden, oder die sich selbst gerne so bezeichnen, sind ein überdurchschnittlich ausgeprägtes Interesse an der Erlangung von Fach- oder Allgemeinwissen sowie auffällig rational geprägte Denk- und Verhaltensweisen. Dies lässt sie aus Sicht ihrer Altersgenossen oft unangepasst und eigenbrötlerisch erscheinen. Viele Nerds zeigen deutlich wenig Interesse an den vorherrschenden Jugend- oder gesellschaftlichen Trends. Im weiteren Sinn konzentrieren sich Nerds auf Spezielles, das anderen Menschen langweilig oder abstrus erscheinen kann, aber nicht muss.

Ich glaube, mich würde niemand als „eigenbrötlerisch“ oder „auffällig rational“ bezeichnen (die Vorstellung amüsiert mich gerade irgendwie). Sicherlich erscheint einiges, für das ich mich begeistere, anderen Menschen als abstrus, aber gänzlich abgeschottet von vorhandenen Jugend- oder gesellschaftlichen Trends bin ich sicherlich nicht. In einer sozial schwachen Stellung sehe ich mich nun auch wirklich nicht, ich habe viele Freunde, einen starken Familienrückhalt, einen Job und eine stabile Beziehung. Was allerdings stimmt, ist, dass ich den Begriff als eine Art „Auszeichnung“ verwende, oder sagen wir: zumindest nicht als Abwertung. Irgendwie finde ich mich selbst in dieser Definition trotzdem nicht sonderlich wieder. Befragen wir mal das Urban Dictionary.

Defintion 1: One whose IQ exceeds his weight.

Die Definition amüsiert mich irgendwie. Ja, da bin ich dabei – zumindest, wenn man mein Gewicht in Kilogramm und nicht in Pfund misst. Definition 2 überspringen wir mal, die ist irrelevant und doof, und gehen über zu

Definition 3: Someone who enjoys learning and obtaining new information in general for it’s own sake, often without discrimination to different areas of knowledge. The key to recognizing a nerd is if they are completely indifferent to the application of what they learn; they are not inherently inclined to use or not to use the information.

Someone who is a nerd could also be a geek, who is passionate about highly specific interests, or a dork, who is a social outcast, but they do not have to be.

Das trifft es doch schon eher. Wissen? Lernen? Her damit! Wenn ich könnte, würde ich mein Leben lang studieren, es gibt noch so viele Fachbereiche, an denen ich interessiert bin! Ob ich „completely indifferent to the application of what [I] learn“ bin – hm. In gewisser Weise schon. Aber: definiere Anwendung.  Im beruflichen Sinn? Im wirtschaftlichen Sinn? Ja, dann wäre es mir wirklich egal. Kommt also schon eher hin.

Definition 4: The person you will one day call „Boss“

Sicherlich nicht. … nein, sicherlich nicht.

Definition 5: A person who gains pleasure from amassing large quantities of knowledge about subjects often too detailed or complicated for most other people to be bothered with.

Often mistaken for Geeks, who aspire to become nerds, yet lack the intelligence, and end up giving nerds a bad name due to their poor social skills.

Non-nerds are often scared of nerds, due to their detailed knowledge, and therefore seemingly high levels of intelligence – and subsequently denegrate them as much as possible as often as possible.

Nerds exist covertly within the fabric of society, often choosing to ’nerd it up‘ in private or in the company of fellow nerds. It is for this reason they are feared the most – unlike geeks, who are easily identified, nerds can only be found out when casual conversation reaches a subject that they like nerding.

Ja, das kommt meiner persönlichen Definition eines Nerd doch schon deutlich näher. Auch wenn ich die Abwertung von „Geekism“ nicht mag und es mir irgendwie allgemeinen zu negativen Beiklang hat. Was aber macht Nerdtum für mich aus?

Die obere Definition besagt letztlich, dass Nerds durch zwei Dinge ausgezeichnet werden: a) Intelligenz und b) die Freude an einem bestimmten Thema. Der Teil mit der Intelligenz ist natürlich strittig, aber in meiner Erfahrung benötigt es eine gewisse Intelligenz, um überhaupt ein tiefgehendes Interesse an etwas zu entwickeln, von daher ist das für mich okay und ich würde dem zustimmen. Viel wichtiger aber als die Intelligenz ist in meinen Augen der zweite Teil: die Freude an einem bestimmten Thema. Wenn wir das noch etwas umformulieren und statt Freude Liebe sagen, nähern wir uns schon sehr stark dem an, was für mich das Nerdsein beinhaltet.

Saying ‚I notice you’re a nerd‘ is like saying, ‚Hey, I notice that you’d rather be intelligent than be stupid, that you’d rather be thoughtful than be vapid, that you believe that there are things that matter more than the arrest record of Lindsay Lohan. Why is that?‘

~ John Green

Ich hätte fast geschrieben, dass mit dieser Definition – Nerdsein wird durch Intelligenz und die Liebe zu einem Thema defininiert – fast jeder zweite Mensch ein Nerd wäre, nämlich sobald er ein tiefgehendes Wissen über ein Thema entwickelt, aber ich habe den Satz direkt wieder gelöscht, denn er stimmt nicht. Was das „nerdige“ ausmacht, ist die Liebe zu diesem Thema. (Wissen kann man auch ohne wirkliches, tiefgehendes Interesse für ein Thema entwickeln – ich weiß durch meinen Job auch mehr über Speditionen als ich je wissen wollte.) Deshalb auch das Zitat von John Green: „… you believe that there are things that matter more than the arrest record of Lindsey Lohan.“ Dinge, die wichtiger sind als der neueste Promiklatsch, wichtiger als ihre „Wertigkeit“ für unsere Konsumgesellschaft. Ich mag auch, dass er sagt „things“, Dinge in der Mehrzahl. Nerdsein beinhaltet für mich mehr als die Konzentration auf ein bestimmtes Thema: eine generelle Offenheit, ein Interesse an der Welt in all ihren Facetten und besonders wichtig: Begeisterungsfähigkeit. Für etwas Neues, für etwas Besonderes, für Dinge jenseits von Alltag und Funktionalität. Und ja, ich denke, irgendwie beinhaltet meine persönliche Definition durchaus auch ein Interesse an SciFi und Fantasy im weitesten Sinne; beides Genres, die für mich vor allem die Öffnung der Phantasie zu Möglichkeiten jenseits aller Grenzen beinhalten. Nerdsein bezeichnet für mich die Fähigkeit, „mehr“ in der Welt zu sehen als offensichtlich ist, den Willen und den Mut, seine Konzentration und sein Herzblut in Dinge zu stecken, die nicht dazu dienen, Geld zu verdienen. Auch den Mut zu haben, etwas zu lieben, das Otto Normalverbraucher als irrelevant ansieht, als profan oder zu weit weg von jeglicher Realität. Den „Glauben“ an Welten zu haben, die jenseits unseres Alltags sind.

Nerds are allowed to love stuff, like jump-up-and-down-in-the-chair-can’t-control-yourself-love it… When people call people nerds, mostly what they are saying is, ‘You like stuff’, which is just not a good insult at all, like ‘You are too enthusiastic about the miracle of human consciousness’.” That is the definition of nerd that Nerdfight operates under: a nerd is someone who unabashedly, unironically, undeniably loves something.

~ John Green

Tatsächlich habe auch ich erst von Orins Artikel von den Nerdfightern erfahren und dieses zweite Zitat hat mir voll aus der Seele gesprochen. Und deshalb sehe ich mich auch weiterhin als Nerd, auch wenn ich Star Wars I-III (noch) nicht kenne, auch wenn ich nicht wüsste, wie ich eine Grafikkarte aus meinem PC ausbaue, auch wenn ich außer „Qapla!“ kein Klingonisch kann (und nachschauen musste, wie man es schreibt), auch wenn ich DSA trotz aller Rollenspielaffinität langweilig finde:  Ich begeistere mich für die Dinge, die ich liebe. Rückhaltlos. Ungeachtet dessen, ob sie mich in meinem Job weiterbringen. Denn das Leben ist mehr als ein Job oder Produktivität oder Geldverdienen. Die Dinge, die mich zum Nerd machen, machen mein Leben lebenswerter, denn sie machen Spaß, sie bringen Freude und Enthusiasmus und Fan-Dasein und WHEEEEE in mein Leben.

Ich liebe es, ein Nerd zu sein.

10 Kommentare

Zum Kommentar-Formular springen

  1. amanda james

    oh wie schön geschrieben. ich bin mir bei mir nicht so sicher, ob ich mich als nerd bezeichnen würde, aber aus meinem umfeld bekomme ich das oft zu hören (wobei leute, die mich nicht richtig kennen, das ehr im zusammenhang mit ’seltsam‘ meinen. inzwischen mag ich es, wenn man mich als nerd bezeichnet, selbst wenn da eine gewisse konnation drin stecken sollte. was du schreibst und wie du es schreibst spricht mir in vielem aus der seele. vielen dank dafür.

  2. Lena

    Ich persönlich verstehe nicht, warum man sich selbst überhaupt einen solchen Stempel aufdrücken muss. So etwas tut man meiner Ansicht nur dann, wenn man sich durch die Zuordnung zu einer Gruppe besser und jemandem zugehörig fühlen möchte. Es ist doch vollkommen egal, ob man, wenn man sich für Dinge begeistert, ein Nerd ist oder nicht – wichtig ist, dass man sich begeistert, wenn einen das glücklich macht. Diese Aufschriften trennen doch nur in zwei Gruppen und erzeugen Dualität: Eine Gruppe, die, wie du ja auch schreibst, das Word „Nerd“ (genau wie „Tussi“ oder „Emo“ oder was auch immer) als Abwertung verstehen, mithin also als Abgrenzung nach außen, um sich selbst den Anstrich des Normalen zu geben. Und die andere Gruppe, die sich in ihrem Anderssein eigentlich nur feiern will, womit sie wiederum die Normalos abwerten und „Nerd“ als Auszeichnung sehen. So oder so – es ist meiner Ansicht nach Schwachsinn, sich überhaupt solche Begrifflichkeiten zueigen machen zu wollen. Wie man sieht, passt man ohnehin selten wirklich zu hundert Prozent in irgendeine wie auch immer gearteter Gruppen. Es reicht doch völlig, wenn man in sich authentisch und im Reinen ist. Dann braucht man auch nicht zu sagen „ich bin ein Nerd und stolz drauf“, sondern nur „Ich bin ich“. Fertig.

  3. Stina

    Zwei Anmerkungen dazu: einmal hat für mich der Begriff „Nerd“ fast jegliche Bedeutung verloren, seitdem er so inflationär eingesetzt wird. Man möchte meinen, jeder ist Nerd, sobald er häufiger als einmal in der Woche ins Kino geht. Und dann zu folgendem:

    „Deshalb auch das Zitat von John Green: “… you believe that there are things that matter more than the arrest record of Lindsey Lohan.” Dinge, die wichtiger sind als der neueste Promiklatsch, wichtiger als ihre “Wertigkeit” für unsere Konsumgesellschaft.“

    Ja, aber wenn man ehrlich ist, dann sind es einfach *andere* Dinge, die die meisten Nerds interessieren. Und Serien, Computerspiele, Comics etc. sind genauso Teil dieser Konsumgesellschaft wie Britney Spears und DSDS. Ich habe zumindest unter Nerds keinen höheren Philantrophen-Anteil feststellen können als unter „Normalos“. Ob ich jetzt mein Geld für die Bravo oder für die erste Staffel von Doctor Who ausgebe… nun ja. Das ist meine eigentliche Kritik am „Wir feiern uns selbst, weil wir so extraspecial sind“ vieler Nerds: es wird eine Definition für etwas gebracht, was in seinen alltäglichen Ausprägungen nichts anderes ist als eine weitere Facette der Popkultur. In der Theorie sind das alles kleine zukünftige Nobelpreisträger und IT-Firmenbosse, aber in der Praxis mag man halt ein paar Serien mehr als der Durchschnittsbürger.

  4. Jessi

    Ist es nicht so, dass man als Mädchen/Frau für „nerdig“ gehalten wird, bei einem gleichstarken Interesse wie ein Kerl? Ich meine, für einen Kerl ist es „normal“ sich mit Raumschiffen und Computer zu beschäftigen, bei Mädels hingegen ist das doch schon eher ungewöhnlich. Oder was meint ihr?

    1. Julie

      Das ist ja letztlich eines unserer Grundthemen – die Ungleichbehandlung von Männern und Frauen in Gebieten, die eigentlich nichts mit dem Geschlecht zu tun haben. Die Unterscheidung, wann eine Frau „nerdig“ ist, weil sie sich mit Raumschiffen und Computern beschäftigt, ist eine gesellschaftlich gemachte – Interessen werden vorgegeben, weil etwas „jungenhaft“ oder „weiblich“ ist. Deshalb bekommen Mädels Puppen und Spielküchen, während Jungs den Chemiebaukasten und das Legoraumschiff geschenkt bekommen.

  5. Lena

    Irgendwie erschließt sich mir der Sinn vom Kommentieren nicht, wenn keiner der CNG dann irgendwie Stellung dazu nimmt, was andere dazu sagen. Es motiviert zumindest nicht, sich auch weiterhin inhaltlich mit euren Blogeinträgen auseinanderzusetzen. Fiel mir gerade mal so auf.

    1. Julie

      Der einzige Kommentar, der von mir als etwas anderes als „ich äußere meine Meinung, fertig“ empfunden wurde, war der von Jessi und mit ihr habe ich schon persönlich über das Thema gesprochen. Aber darauf wird sicherlich auch hier noch in einem anderen Rahmen reagiert werden.

      1. Lena

        Achso, wenn man seine Meinung äußert, dann kann man nicht mit einer Reaktion rechnen, das ist interessant, wo dein Blogeintrag ja auch nichts anderes war als reine Meinungsäußerung. Aber hey, nichts für ungut. Dann wissen Kommentatoren ja in Zukunft, worauf sie sich einlassen – und sparen sich den Aufwand.

      2. Stina

        Schade, ich hätte (trotz oder gerade) auf meine Meinungsäußerung eine weitere Diskussion/Antwort interessant gefunden.

  6. Julie

    Es tut uns leid, wenn wir nicht wie erhofft reagiert haben, aber tatsächlich hat keiner von uns eine Diskussionsaufforderung aus den Kommentaren (außer dem von Jessi) herausgelesen. Wenn eine Diskussion gewünscht ist, bitten wir darum, nochmal zu formulieren, worüber genau ihr diskutieren wollt. Geht es euch im Endeffekt um die Auseinandersetzung der unterschiedlichen Sichtweisen auf das Thema, den Gründen für die eigene Bezeichnung oder Definition als Nerd oder war die Fragestellung eine ganz andere?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Sie können diese HTML-Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>