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Mai 20

True Blood und ich

Spoileralarm für Staffeln 1 bis 3 und die erste Folge von Staffel 4.

Meine True Blood-Reise begann schon vor einigen Jahren mit den Büchern. Die ersten acht Bände stehen in meinem Regal und ich habe sie mit viel Spaß gelesen. Dass das Ganze keine große Literatur ist und mir der Hauptcharakter Sookie auch eher auf die Nerven geht als sympathisch ist, hat daran nichts geändert – die Story war cool, die Idee super, die Nebencharaktere großartig (bis auf den Langweiler Bill Compton). Definitiv eine Buchreihe, die man so nebenher weglesen kann, ohne sich groß Gedanken machen zu müssen und mit der man sich einfach berieseln lassen kann.

Auftritt die Serie. Etliche Leute in meinem Freundes- und Bekanntenkreis lieben die Serie, fiebern auf jede neue Folge hin und sind vollkommen begeistert von den Charakteren (allen voraus Eric). Mir war klar, dass die Serie nicht viel mit den Büchern gemeinsam hat, ich wollte sie trotzdem mal ausprobieren. Durch drei Folgen quälte ich mich mühsam durch, dann brach ich den Versuch ab; trotz der Überredungsversuche verschiedener Leute, einfach mal durchzuhalten. Die Folgen langweilten mich einfach. Der gefakte Südstaatenakzent, der gewollt-dreckig Look, die behämmerte Darstellung der Vampire (ihre Zähne machen KNACK! *Kopfschüttel*) und der übertriebene Sex – HBO halt – gingen mir einfach auf die Nerven. Es dauerte über ein Jahr, bis ich mich erneut an die Serie wagte, weil mir eine Freundin die ersten zwei Staffeln auslieh. Ich übersprang die ersten paar nervtötenden Folgen und stieg in Folge 8 der ersten Staffel wieder ein und was soll ich sagen? Es gefiel mir.

Nach wie vor keine wirklich gute Serie, aber irgendwie machte sie Spaß. Sie war hart, auf den Punkt, weiterhin voll übertriebenem Sex (HBO halt), aber die Charaktere begannen, mir ans Herz zu wachsen. Ich feierte Lafayette, liebte Terry, wollte Sam knuddeln und verdrehte regelmäßig die Augen über die Stackhouses und Bill und fangirlte für Eric und Pam und später Jessica. Staffeln 1 und 2 waren schnell vorbei und in Staffel 3 begann ich erst richtig abzufeiern. Russell Edgington und Talbot waren mein absolutes bisheriges Highlight der Serie – Lieblingszitat: „Darling! *zeigt auf sich* … King!“ Großartig. Lafayette bekam einen weißen Freund und Sookie sabberte Bill nicht mehr komplett willenlos hinterher.

Bitte nicht falsch verstehen: nach wie vor sah ich große Schwächen in der Serie. Der übertriebene Sex ging mir häufig auf die Nerven, die Darstellung der Frauen der Serie und ihre Behandlung war teilweise mehr als abschreckend, viele der Charaktere waren einfach nur nervtötend dumm und ich hatte teilweise das Gefühl, dass sie permanent versuchten, sich in Dramatik selbst zu übertreffen. Trotzdem hatte ich weiterhin Spaß an der Serie – dann kam die letzte Folge der dritten Staffel. Sie war… langweilig. Die Probleme, die schon die ersten Folgen hatten, wurden wieder zusammengeworfen und als sie dann noch den vollkommen lachhaften Kitsch der Fairywelt einbrachten, hatte ich mal wieder keine Lust, weiterzuschauen. Ich tat es trotzdem – eine schwache Folge muss immerhin nichts bedeuten. Folge 1 der vierten Staffel dann ließ mich vollkommen fassungslos zurück.

Zwischen den Staffeln ließen sie ein Jahr verstreichen und schafften es, die bisher teilweise ohnehin schon grenzwertigen Punkte der Serie gänzlich auf die Spitze zu treiben. Der die ganze Zeit latent vorhandene Seximus und Rassismus der Serie explodierte. Der einzige Charakter, der nicht auf die eine oder andere Art und Weise in den Ruin getrieben oder unsympathisch gemacht wurde, ist Jason, ein weißer menschlicher Mann, der es in dem Zeitsprung anscheinend endlich geschafft hat, sein Leben auf die Reihe zu kriegen.

Sam, einer der bislang sympathischsten Charaktere der Serie, wurde vom netten, interessanten Barbesitzer zum aggressiven Vollidioten. Lafayettes Freund, der nicht, wie ursprünglich angenommen, weiß sondern Latino ist, ist eine Hexe und zieht Lafayette mit in einen Hexenzirkel. Tara, die einzig andere Schwarze der Serie, wurde – nachdem sie in der letzten Staffel schon physisch und psychisch komplett verwrackt wurde – ebenfalls zur Lesbe. Ja, sie haben es wirklich gemacht: sie haben die einzigen schwarzen Charaktere der Serie homosexuell und zu Hexen gemacht. Ihre jeweiligen Partner sind Latinos. WTF?! Are you shitting me?! Wenn man sich die schwarzen Nebencharaktere anschaut, wird es nicht besser: Taras Mutter ist eine (später Ex-)Alkoholikerin, deren Umgang mit ihrer Tochter mehr als fragwürdig bleibt. Lafayettes Mutter ist schizophren. Der schwarze Priester, der Taras Mutter hilft, ist ein Ehebrecher und geht mit ihr ins Bett, ihre labile Situation, in der sie sich ihm an den Hals wirft, ausnutzend. Eggs, Taras Freund, ist ein von einer Mänade beeinflusster Killer, der schließlich von einem Weißen erschossen wird. Es gibt keinen einzigen erfolgreichen farbigen Charakter in der gesamten Serie, übrigens auch keinen Vampir oder Shapeshifter (die ja gerne mal als besonders sexy dargestellt werden), der gewisse stereotype Klischees bricht und als positive Identifikationsfigur aufgebaut wird.

Nun gut. Aus dem Ich-suchte-durch-Staffel-3-durch-Wahn herausgerissen, dachte ich über die anderen Punkte der Serie wieder etwas objektiver nach, die mich ohnehin schon störten. Und mit etwas Abstand konnte ich nur noch fassungslos den Kopf schütteln. Der Rassismus ist das eine – nicht nur, dass sie die beiden Schwarzen homosexuell machten, nein, Tara als schwarze Frau kriegt auch den Großteil der psychischen und physischen Gewalt ab – der andere, damit auch verknüpfte Punkt ist der Sexismus oder, wie man vielleicht besser sagen sollte, die teilweise offene Misogynie.

Trotz dessen, dass der Hauptcharakter eine Frau ist, sucht man vergeblich nach wirklich starken Frauenfiguren. Mit Ausnahme von Pam werden alle Frauen gewalttätig unterworfen, misshandelt, benutzt, bestraft, fast oder tatsächlich vergewaltigt. Hier eine gute Zusammenfassung. Und selbst Pam ist in einem dominanten Mann unterworfen, dem sie aufs Wort gehorchen muss. Sobald eine Frau die Initiative ergreift und auf ihrem Willen beharrt, bekommt sie danach in irgendeiner Form gewalttätig die Strafe dafür. Sookie, die Bill sagt, er solle sie in Ruhe lassen, wird kurz danach von einer Bestie angegriffen und fast getötet (und muss gerettet werden). Als sie auf eigene Faust Nachforschungen anstellt, wird sie fast vergewaltigt (und muss gerettet werden).  Als sie es in der Feenwelt schafft, Mab zu entkommen, muss sie – Überraschung – von einer männlichen Fairy gerettet werden. Tara, die zwei rassistischen Drecksäcken die Meinung sagt, gerät durch die Unterstützung, die sie annimmt, in eine grausame Situation, in der sie entführt, vergewaltigt und misshandelt wird. (Sookie, als ihre beste Freundin, interessiert sich übrigens nicht sonderlich dafür, dass ihr Lover Bill Tara aus dieser grauenhaften Situation NICHT befreit hat.) Loreena, die in einer ungesunden „Liebe“ zu Bill gefangen ist, wird beim Sex mit ihm der Kopf um 180° gedreht (eine mehr als groteske Szene), nachdem er sie in Flammen gesetzt hat. Crystal, der Werpanther, wird für ihr „Ausbrechen“ aus der inzestuösen Hot Spots-Gemeinde mit physischer Gewalt (man sieht sie nie ohne blaues Auge) und am Ende mit gewaltsamer Entführung bestraft. Selbst Sophie Ann, die Vampirkönigin von Louisiana, die stets in Kontrolle ist, und einen Harem von willigen Männern und Frauen hat, wird am Ende von einem deutlich schwächeren und jüngeren männlichen Vampir besiegt.

Der Umgang mit Sex in der Serie ist ebenfalls etwas, das mir ungut aufstößt. Mir fällt ad hoc keine einzige Szene ein, in der Sex als etwas liebevolles, vertrautes dargestellt wird – ich mag mich täuschen, aber wenn es eine solche Szene gibt, dann ist sie dermaßen in der Minderheit, dass sie untergeht. Fast immer wird Sex mit Gewalt verbunden, häufig mit Grausamkeit oder auch „nur“ Brutalität, oft in den Mantel von „Leidenschaft“ gehüllt und fast immer finden die Frauen, die ausnahmslos diejenigen sind, denen es angetan wird, den Sex großartig. HBOs scham- und tabuloser Umgang mit Sex in allen Ehren, aber das geht in meinen Augen zu weit. Mein kurzer Ausflug in eine positive Sicht der Serie ist definitiv vorbei und zurück bleibt leider nur ein Gedanke:

11 Kommentare

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  1. Leander

    Das Bild von Picard am Ende trifft ziemlich genau meinen Gedanken bei 80% der Serie.

  2. Wüstenratte

    Das (und das Picard-Bild) faßt sehr gut zusammen, warum ich nach Season 4 keine Lust mehr auf die Serie hatte. Ich hatte sogar verdrängt, daß ich Season 4 tatsächlich gesehen hatte. Aber offensichtlich doch. :ugly:

  3. Golli

    Ich hatte auch nach den ersten Folgen komplett genervt aufgegeben und mich seit jeher gesträubt weiter zu schauen. Danke Dir also für die Zusammenfassung. Und ich weiß jetzt, dass ich es mir nicht geben werde. *zustimmend zu Picard nick*

  4. Fuinil

    Grauenhaft. Alles was die Bücher irgendwie liebenswert – trotz des nicht- Literatur-Statuses- macht, wurde in der Serie zerstört.

    Ganz ganz grauenhaft.

  5. Stina

    Die Unfähigkeit der Serie, Sex anders als einen gewalttätigen Akt zu zeigen, hat mich ebenfalls aufgeben lassen. Ich habe früher aufgehört als du, aber aus genau den Gründen, die du beschreibst. Ich habe nichts dagegen, wenn die Hütte mal ein bisschen wackelt, aber wenn ich mich bei jeder Sexszene fragen muss, ob ich das heiß finden oder die Polizei rufen soll, dann stimmt was nicht.

  6. Julie

    Ich les die Bücher grad wieder mit sehr viel Spaß (zumindest das hat mir die Serie gebracht 😉 ) und bin wieder fasziniert davon, wieviel sie geändert haben und das zum Gutteil zum Schlechteren…

  7. Linda

    Also all diese Dinge, die du da beschreibst… Ist dir zu keinem Zeitpunkt der Gedanke gekommen, dass genau diese offensichtlichen Anspielungen gewollt sind? Die Serie spielt mit der Metapher von Ungleichbehandlung und dem gesellschaftlichen Umgang mit Minderheiten. Homophobie und Rassismus werden bewusst angesprochen. Scheinbar hast du die Serie und ihren satirischen Charakter null verstanden, echt schade!

    1. Julie

      Tut mir leid, aber eine Mainstreamserie, die die rassistischen, homophoben und sexistischen medialen Klischees bedient, ohne sie in irgendeiner Form aufzuheben oder gegenzusteuern, ist NICHT satirisch. Sondern Mainstream-homophob, rassistisch und sexistisch.

      Wenn sich das in Staffeln vier ff ändert, good for them, aber soweit habe ich eben nicht durchgehalten und es ist deutlich zu spät.

      1. Linda

        Mainstream? Inwiefern? Ich kenne keine vergleichbare Serie, erst Recht nicht im Hinblick auf Vampire und diese Themen. Bereits im Trailer findet sich die Anspielung „God hats fangs“. Die Aufschrift „God hat fags“, also Gott hasst Schwule, gab es wirklich in Topeka an einer Kirche, wenn du etwas über die kranke Westboro Baptist Church liest, wirst du darauf stoßen. Die Serie also einfach so abzutun ohne sich wirklich damit zu beschäftigen, ist meiner Ansicht nach falsch. Kritik bedeutet nicht immer etwas aufzuheben oder entgegenzusteuern, Satire stellt Missstände eben in überspitzter Form dar und das ist eindeutig der Fall bei True Blood. Vielleicht solltest du dich auch mal mit den Aussagen des Regiesseurs vertraut machen, bevor du solche Behauptungen aufstellst. Sicher ist es Geschmacksache aber es ist ein Unterschied zu sagen „ich finds scheiße“ oder den Sinn zu verkennen.

        1. Kunstpause

          Meines Erachtens projezierst du da einen tieferen Sinn rein (als Rechtfertigung) wo keiner ist. Denn das, was Tru Blood macht ist nicht Satire. Es hat mit Satire nicht mal mehr annähernd was zu tun.

          Satire prangert Misstände an und lässt sie nicht einfach kommentarlos stehen. Gleichzeitig ist Satire ein Stilmittel, um Leute oder Zustände in Machtpositionen ins Lächerliche zu ziehen – sie wirkt nur in gewollter Weise, wenn sie Machtpositionen angreift. Wenn sie das nicht tut, sondern gerade die eh schon Benachteiligten überspitzt zeigt ist es keine Satire – das ist schlicht und ergreifend bullying.
          Es ist eine faule Ausrede, Rassismus und Homophobie einfach mal Satire zu nenen, nur um sich nicht mit den Implikationen auseinandersetzen zu müssen. Wenn ich selber rassistische Witze reiße kann ich im Nachhinein noch so oft Satire rufen – es ist schlicht keine.

          Um Molly Ivins zu zitieren: Satire is traditionally the weapon of the powerless against the powerful. I only aim at the powerful. When satire is aimed at the powerless, it is not only cruel — it’s vulgar.
          Oder James Parker: “Satire, to do its moral work, must itself be more or less moral. And the law is this: Broadly speaking, if it strikes upward, outward or inward, it’s satire, if it strikes downward, it’s bullying.”

          Mir ist völlig klar, dass die Buch Autorin diese Thematik rein gebracht hat und damit auch geweisse Dinge aufzeigen wollte. Das ist ihr in begrenztem Ramen auch gelungen. Der Serie hingegen nicht weil sie wenig bis gar nicht moralisch Stellung bezieht.

          1. Linda

            Ich habe auch nie behauptet, dass es eine reine Satire-Serie ist, aber es gibt sehr wohl Elemente, die darauf zutreffen. Ihr glaubt wirklich, dass der Rassismus und die ganze „Vampir will an Gesellschaft teilhaben wird aber diskriminiert“ Sache keine Aussage oder Bedeutung hat? Mal abgesehen davon, dass die Menschen sich nicht wirklich von den „bösen“ Vampiren unterscheiden und auch das ein klares Statement ist. Die Rolle des Vampirs verändert sich und die Darstellung einiger Dinge ist drastisch und führt meiner Meinung nach nicht dazu, dass man sagt, okay ja wieder mal Rassismus in Amerika ist total Ernst gemeint und normal?! Spätestens als Tara ernsthaft was von den Vollidioten Jason will, wurde mir klar, dass hier nicht alles ganz Ernst gemeint sein kann. Wie auch immer, alles was ich sagen wollte ist, dass mir die Einschätzung als Mainstream?, Rassismus und Homophonie verherrlichende Serie viel zu oberflächlich ist. Es gibt wissenschaftliche Artikel, die sich damit beschäftigen.

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