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Okt 31

Das Anders-Dilemma

*** SPOILER FÜR DRAGON AGE 2 ***

Nachdem ich feststellte, dass meine SWTOR-Agentin Hawkes Stimme hat, verspürte ich das dringende Bedürfnis, wieder Dragon Age 2 zu spielen. Also nicht lange gefackelt, Charakter gebaut und losgelegt! Inzwischen habe ich auch Origins durch, weshalb ich einige Kritik an DA2 deutlich besser verstehen kann, was mir aber den Spaß daran noch immer nicht verdirbt 😉 Allerdings ist mir auch deutlicher bewusst, was mir an dem Spiel nicht gefällt. Neben den offensichtlichen Kritikpunkten wie sterbenslangweilige Kämpfe und sich ständig wiederholende Dungeons ist das vor allem eines: Anders.

In meinem zweiten Durchgang mit Liara war Anders meine Romance of Choice und ich fand sie großartig. Ich habe eine Schwäche für schwierige Romanzen in Rollenspielen und der innere Kampf von Anders, bis er sich für die Liebe zu Hawke entscheidet, war ganz meins. Leidenschaftliche Liebe, gemeinsamer Kampf, Entscheidung für sie trotz Justice… hach. Leider ist diese großartige Romanze aber nur in Akt 2 wirklich vorhanden und schön, in Akt 3 spielt sie keine wirkliche Rolle mehr (ein grundsätzliches Problem der Romanzen von Dragon Age 2, die nur in Akt 2 eine Relevanz haben). Und dann kommt dieses episch-grässliche Ende. Der Verrat. Die Zerstörung. Der Tod so vieler Unschuldiger.

Generell habe ich kein Problem mit solch heftigen Ereignissen in Computerspielen und Rollenspielen allgemein, ganz im Gegenteil. Gib mir Drama, gib mir Trauer, gib mir Dramatik und moralische Dilemma und ich bin glücklich. Deshalb stört mich auch nicht die Brutalität des Endes und auch nicht der Verrat an sich. Ich ließ Anders auch in beiden bisherigen Durchgängen leben… aber schon beim zweiten Mal hinterließ das Ganze einen unguten Nachgeschmack. Je länger ich darüber nachdachte, desto ärgerlicher wurde ich über Anders, desto nerviger fand ich ihn und desto ätzender sein Emo-Getue.

Dabei ist Anders eigentlich ein großartig geschriebener Charakter. Sein Kampf mit Justice, mit sich selbst, mit seinen Idealen und seinen Vorstellungen, seine mehr als traumatische Vorgeschichte, die seine Einstellung gegenüber den Templarn vollkommen erklärt und relativiert… ein durch und durch runder Charakter. Warum also stört er mich auf einmal so sehr?

Ich habe mit Anna darüber gesprochen und kam nicht so recht zu einem Ergebnis, erst eine Bemerkung meines Mannes ließ mir ein Licht aufgehen: Das Ende, seine Tat, sein Verrat sind wahnsinnig uncharakteristisch. Ja, Anders ist überidealistisch und wird im Laufe des Spiels fanatisch, doch trotzdem kommt das Ende von DA2 aus dem Nichts. Anders wird als Heiler eingeführt, als ein unglaublich mitfühlender, selbstloser Charakter. Er heilt, ohne Gegenleistung zu erwarten. Er kämpft für die Rechte von Magiern, obwohl sich diese in Kirkwall wahrlich nicht mit Ruhm bekleckern – doch die wenigen rechtschaffenden Magier, die leiden, sind ihm Grund genug, um eine grundlegende Veränderung zu fordern. Er verurteilt grundsätzlich jeglichen, der anderen Leid zufügt und Gerechtigkeit und Gleichbehandlung aller sind ihm am Wichtigsten – nicht umsonst hat er sich mit einem Spirit of Justice verbunden. Und dieser mitfühlende, selbstlose Mensch jagt auf einmal die Chantry in die Luft? Die Chantry und alle dazugehörigen Gebäude, alle armen Menschen, die dort Hilfe suchen, alle Priester und Priesterinnen, die Gutes tun, alle Waisen und Kranken, die dort versorgt werden? Das passt einfach nicht!

Und das ist es auch, was mir Anders als Charakter und etwas allgemeiner seine Storyline vermiest. Die Ungereimtheiten zwischen dem, wie man Anders kennenlernt und dem, was er am Ende tut, sind so massiv, dass ich als Spieler das Gefühl habe, die Schreiber haben den Charakter extrem ge- bzw, verbogen, um auf Teufel komm raus das Ende hinzukriegen, das sie haben wollten. Letztlich manifestieren sich alle Storyschwächen von DA2 am Charakter von Anders.

Nun ist gerade das Storytelling eigentlich eine große Stärke von BioWare-Spielen, was es umso ärgerlicher macht, dass DA2 hierin schwächelt. Es gibt auch eine Szene, die sehr deutlich zeigt, dass Anders‘ Charakter ursprünglich nicht so verbogen geplant war. In dieser Szene zeigt sich, was genau mit Anders passiert und die auch klar macht, dass er nicht derjenige ist, der die Kontrolle hat: Anders und Justice. Leider bekommt man diese Szene nur zu sehen, wenn man eine Rivalry Romance mit ihm hat, was ich mehr als bedauere. Sie zeigt nämlich nicht nur das Anders-Dilemma auf, sondern auch die generelle Problematik mit den Magiern in Kirkwall.

*hust* Drecksblutmagier *hust* gehören alle vernichtet *hust*

Die Szene versöhnt mich allerdings nicht gut genug mit der ganzen Sache, dass ich Anders bei diesem Durchgang noch eine Chance gebe, nein. Zweiter Akt und er wird weggeschickt, Punkt Aus. Schade, BioWare, dass ihr ausgerechnet bei diesem Schlüsselelement im Storytelling gespart habt. Das Spiel wäre ein besseres, wenn man am Ende wirklich zwiegespalten wäre.

2 Kommentare

  1. Anna

    Ich stimm dir völlig zu. Interessanterweise führt genau das, was du jetzt machst zu dem sich am logischsten anfühlenden Ende. Schickt man ihn fort (und lässt ihn unter Umständen sogar das Mädel in der Alric Quest töten) und er taucht als veränderter Mann am Ende von Akt 3 wieder auf ergiebt das Ganze sogar ein wenig Sinn…

  2. Julie

    Ha, stimmt! Find ich „gut“, dann ist das Ganze etwas stimmiger 😉

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